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Bitkom: In Deutschland fehlen 137.000 IT-Fachkräfte

„Unternehmen bespielen beim Recruiting die komplette Klaviatur“
Bitkom: In Deutschland fehlen 137.000 IT-Fachkräfte

Bitkom Studie IT-Fachkraft
Der Mangel an IT-Fachkräften hat sich verschärft: Derzeit fehlen in Deutschlands Unternehmen 137.000 IT-Fachkräfte quer durch alle Branchen. Bild: Gorodenkoff/stock.adobe.com

Der Mangel an IT-Fachkräften hat sich verschärft: Derzeit fehlen in Deutschlands Unternehmen 137.000 IT-Expert*innen quer durch alle Branchen. Damit liegt die Zahl sogar über dem Vor-Corona-Jahr 2019 mit 124.000 unbesetzten Stellen. Das sind Ergebnisse der neuen Bitkom-Studie zum Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte, für die 854 Unternehmen aus allen Branchen repräsentativ befragt wurden.

„Wir erleben auf dem IT-Arbeitsmarkt einen strukturellen Fachkräftemangel. Der Mangel an IT-Fachkräften macht den Unternehmen zunehmend zu schaffen und wird sich in den kommenden Jahren dramatisch verschärfen“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg.

Berg weiter: „Der demographische Wandel führt dazu, dass signifikant weniger junge Menschen mit IT-Qualifikationen auf den Arbeitsmarkt kommen und zugleich scheiden mehr Ältere aus einschlägigen Berufen aus. Der Fachkräftemangel entwickelt sich zum Haupthindernis bei der digitalen Transformation.“

Achim Berg, Präsident, Digitalverband Bitkom
Achim Berg, Präsident, Digitalverband Bitkom
Bild: Bitkom

Aktuell sagen nur noch 8 Prozent der Unternehmen, dass das Angebot an IT-Fachkräften ausreichend ist (2021: 13 Prozent), 74 Prozent sprechen hingegen von einem Fachkräfte-Mangel (2021: 65 Prozent). Und 70 Prozent rechnen damit, dass sich der Fachkräftemangel in Zukunft verschärfen wird (2021: 66 Prozent), nur noch 2 Prozent (2021: 9 Prozent) erwarten, dass er abnimmt.

Zuwanderung sollte grundsätzlich erleichtert werden

Rund ein Drittel (37 Prozent) der Unternehmen mit offenen IT-Stellen würde IT-Fachkräfte aus Russland oder Belarus einstellen, sofern sie vorher eine behördliche Sicherheitsprüfung durchlaufen haben. Tatsächlich hat aber erst jedes hundertste Unternehmen (1 Prozent) IT-Expert*innen aus diesen beiden Ländern eingestellt.

11 Prozent hatten seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs konkrete Pläne dazu, sind aber an bürokratischen Hürden gescheitert. Insgesamt gibt es ein Potenzial von 59.000 Stellen, die mit IT-Fachkräften aus Russland und Belarus besetzt werden könnten.

Berg: „Wir müssen gerade jetzt ukrainische IT-Anbieter und Nearshore-Dienstleister partnerschaftlich stabilisieren und in den digitalen Wertschöpfungsnetzwerken halten. Gleichzeitig sollten wir sicherheitsüberprüfte IT-Experten aus Russland und Belarus nach Deutschland holen und hier wirtschaftlich und gesellschaftlich dauerhaft integrieren.“

Aus Bitkom-Sicht sollte die Zuwanderung von qualifizierten IT-Spezialist*innen grundsätzlich weiter erleichtert werden. Dies sei auch deshalb wichtig, da das Interesse am Informatikstudium in Deutschland im zweiten Jahr in Folge gesunken ist.

Im vergangenen Jahr haben nur noch 72.075 Menschen in Deutschland ein Informatik-Studium aufgenommen, das sind 3.000 weniger als im Jahr 2020 und fast 6.000 weniger als im Jahr 2019. Weniger als die Hälfte schließen ihr Studium auch ab, lediglich 31.125 Studierende beendeten 2021 erfolgreich ihr Informatik-Studium.

Bitkom Studie IT-Fachkräfte Bedarf
Bild: Bitkom

IT-Fachkräfte-Suche erweist sich schwierig

Im Durchschnitt bleibt eine offene Stelle für IT-Fachkräfte inzwischen 7,1 Monate unbesetzt. Das ist noch einmal ein Anstieg um gut zwei Wochen gegenüber dem Vorjahr, als es durchschnittlich 6,6 Monate waren.

  • 14 Prozent der Unternehmen benötigen aber 7 bis 9 Monate,
  • 19 Prozent 10 bis 12 Monate
  • und 4 Prozent sogar mehr als 12 Monate zur Besetzung einer freien IT-Stelle.

Die Unternehmen verlassen sich dabei nicht nur auf Stellenausschreibungen (93 Prozent) und Initiativbewerbungen (97 Prozent), sondern versuchen auf einer Vielzahl an Kanälen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen:

  • 61 Prozent übernehmen Praktikant*innen, vor einem Jahr waren es erst 42 Prozent.
  • 31 Prozent präsentieren sich auf Karrieremessen (2021: 24 Prozent),
  • 22 Prozent setzen auf Headhunting (2021: 14 Prozent)
  • und 21 Prozent nutzen Active Sourcing (2021: 12 Prozent), also die aktive Ansprache von potenziellen Kandidat*innen zum Beispiel in sozialen Medien.
  • 12 Prozent versuchen ihren Fachkräftebedarf durch die Übernahmen freier Mitarbeitender in feste Anstellungsverhältnisse zu decken (2021: 10 Prozent).
Bitkom Studie IT-Fachkraft-Bewerber
Die Unternehmen versuchen die erste Bewerbung für IT-Expert*innen so einfach wie möglich zu gestalten. Das helfe zwar im Einzelfall, die Gesamtproblematik löse es aber nicht, so der Bitkom.
Bild: Kzenon/stock.adobe.com

Gleichzeitig versuchen die Unternehmen, die erste Bewerbung für Interessierte so einfach wie möglich zu gestalten.

  • 39 Prozent setzen inzwischen auf Online-Bewerbungs-Tools (2021: 33 Prozent),
  • 16 Prozent ermöglichen eine Bewerbung mit einem Klick aus einem Business-Netzwerk heraus (2021: 11 Prozent) und
  • 13 Prozent nutzen eine Bewerbungs-App (2021: 7 Prozent).

Bei praktisch allen Unternehmen (99 Prozent, 2021: 100 Prozent) kann man sich zudem per E-Mail bewerben, aber auch die klassische Bewerbungsmappe auf Papier wird meist akzeptiert (77 Prozent, 2021: 66 Prozent).

Und auch im weiteren Bewerbungsprozess setzen die Unternehmen auf digitale Unterstützung.

  • Jeweils rund drei Viertel nutzen zumindest teilweise Videokonferenzen für Bewerbungsgespräche (78 Prozent)
  • und bauen einen Bewerbungspool auf (73 Prozent), um daraus künftig freiwerdende Stellen besetzen zu können.
  • Die Hälfte (50 Prozent) führt Tests online durch,
  • 16 Prozent lässt online Probearbeiten.
  • Und ein Viertel (26 Prozent) beschleunigt den Prozess, indem der Arbeitsvertrag zunächst einmal per digitaler Signatur unterzeichnet wird.

„Die Unternehmen bespielen beim Recruiting die komplette Klaviatur. Das hilft natürlich im Einzelfall, den gesamtgesellschaftlichen Fachkräftemangel löst es nicht“, so Berg.

Forderungen an die Politik

Um dem Fachkräftemangel dauerhaft entgegenzuwirken, erwarten 9 von 10 Unternehmen (88 Prozent) von der Politik, die Fachkräfteeinwanderung stärker zu fördern, etwa indem Prozesse digital und damit schneller und weniger bürokratisch abgewickelt werden.

Bitkom Studie IT-Fachkräftemangel Verbesserungsvorschläge Politik
Bild: Bitkom

„Die Bundesregierung arbeitet an einer Novelle des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes, deren Ausrichtung wir voll unterstützen. Es ist wichtig, dass wir gerade mit Blick auf den IT-Bereich berufspraktische Erfahrung genauso berücksichtigen wie formale Abschlüsse. Überflüssig ist bei IT-Fachkräften aber der fortdauernde Nachweis von Deutschkenntnissen bereits bei der Einreise“, so Berg. „Wichtig wäre, den Einwanderungsprozess konsequent zu digitalisieren und zu entbürokratisieren.“

  • 82 Prozent der Unternehmen würde zudem die Einführung einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit statt einer täglichen helfen.
  • Zwei Drittel (68 Prozent) wünschen sich eine steuerlich attraktivere Beteiligung von Beschäftigten am finanziellen Erfolg der Unternehmen, Deutsche Unternehmen und insbesondere Startups haben im internationalen Wettbewerb um Fachkräfte an dieser Stelle immer noch mit Standortnachteilen zu kämpfen.
  • 60 Prozent würde Rechtssicherheit beim Einsatz externer IT-Spezialist*innen helfen.
  • Und rund die Hälfte (46 Prozent) fordert Verbesserungen bei den rechtlichen Rahmenbedingungen für Remote Work aus dem Ausland, was durch sozialversicherungs- und steuerrechtliche Vorgaben bislang erschwert wird.

„Die rechtlichen Barrieren für Remote Work in der Praxis müssen mindestens innerhalb der EU so schnell wie möglich fallen“, so Berg. „Wir müssen zügig in all diesen Bereichen aktiv werden, um für IT-Fachkräfte das Arbeiten in Deutschland attraktiver zu machen.“ (eve)

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