Interview mit Dr. Ralph Wiechers

Wirtschaftliche Lage mit der von vor zehn Jahren nicht vergleichbar

Ralph Wiechers VDMA Interview
Dr. Ralph Wiechers ist Mitglied der Hauptgeschäftsführung des VDMA. Bild: VDMA
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Auch im Maschinen- und Anlagenbau schwächelt die Konjunktur. Im Interview mit industrie.de spricht Dr. Ralph Wiechers, Mitglied der Hauptgeschäftsführung beim VDMA, über die aktuelle wirtschaftliche Lage, Krisen und Handelskriege auf weltpolitischer Ebene sowie politische Bestrebungen und Maßnahmen, die das Konsumentenverhalten beeinflussen können.

Das Interview führte unser Redakteur Thomas Wagner

Industrie.de: Immer mehr Medien nehmen das „R“-Wort in den Mund. „R“ für „Rezession“. Clemens Fuest vom Münchner ifo Institut für Wirtschaftsforschung stellte bereits im Juli fest, dass in den Industrieunternehmen aktuell ein ähnlicher Pessimismus vorherrscht wie im Krisenjahr 2009. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen im Maschinen- und Anlagenbau?

Dr. Ralph Wiechers: Auch wir haben einen deutlichen Rückgang der Geschäftsklima-indikatoren. Doch sowohl das Tempo des Rückgangs als auch das bisher erreichte Niveau unterscheiden sich deutlich von dem, was wir 2008/2009 gesehen haben. In das ifo-Geschäftsklima fließen sowohl Geschäftslage als auch Geschäftserwartungen ein. Die Erwartungen im Maschinenbau waren schon im vergangenen Jahr rückläufig, während sich die Lage sehr lange auf einem recht hohen Niveau bewegte. Die Lage folgt erst seit diesem Jahr den Erwartungen – im Gegensatz zur Krise von 2008/2009. Dort folgte die Lage sehr schnell den Erwartungen, weil die ganze Wirtschaft unter einem Schock stand. Wäre ich Mediziner, würde ich sagen: 2009 war vergleichbar einem Infarkt mit kurzzeitigem Herzstillstand und anschließender Reanimation. Das Geldsystem drohte zu kollabieren und es bedurfte massiver Eingriffe am Kapitalmarkt. In der jetzigen Situation verzeichnen wir verschiedene Krankheitssymptome parallel: Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und – salopp gesagt – einen eingewachsenen Zehennagel. In Summe ist das zweifelsfrei sehr unangenehm, aber es ist eben kein Totalzusammenbruch. Ich finde daher, ein Vergleich der aktuellen Lage mit 2009 ist – zumindest bislang – nicht angemessen. Doch zugegeben: Die Zahl der Unternehmen, die über eine noch befriedigende Auftragslage berichten können, schrumpft. Und die Sensibilität der Unternehmer sowie die Unsicherheit, wie es weitergehen könnte, sind groß, denn jeder hat die Erfahrung von 2009 noch irgendwo im Hinterkopf.

„Die meisten Unternehmen haben mittlerweile im Vergleich zum Vorjahr einen Orderrückgang“
— Dr. Ralph Wiechers, Hauptgeschäftsführung VDMA

Industrie.de: Aus welchen Bereichen kommen die Unternehmen, bei denen es noch gut läuft?

Wiechers: Wie gesagt: Die meisten Unternehmen haben mittlerweile im Vergleich zum Vorjahr einen Orderrückgang. Lediglich Bergbaumaschinen, Beleidungs- und Ledertechnik, Gießereimaschinen, Aufzüge und Fahrtreppen konnten im Zeitraum Juni bis August, dem letzten Datenstand, noch Plusraten verzeichnen. Sie profitieren in der aktuellen Situation häufig von einer niedrigen Vorjahresbasis. Andere dagegen kommen von hohen Niveaus, haben einen oft mehrere Jahre dauernden Aufschwung hinter sich und erleben aktuell eine schmerzhafte Korrektur. Dazu zählen die klassischen Zulieferer im Maschinenbau, wie die Antriebstechnik oder die Fluidtechnik. Hier gab es zudem Lagereffekte. Wichtige Teilbranchen wie Werkzeugmaschinen, Robotik und Automation oder Kunststoff- und Gummimaschinen hatten ebenfalls über Jahre einen guten Lauf und sehen sich nun mit massiven strukturellen Verwerfungen konfrontiert. Was für die einen die Verunsicherung in der Automobilindustrie ist, ist für die anderen die Frage, wie es weitergeht mit Materialien wie Kunststoff, Folien oder Plastik.


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Industrie.de: Hat der Endkunde wirklich einen solch großen Einfluss auf eine derart riesige Maschinerie wie die Kunststoffindustrie?

Wiechers: Die wachsende Sensibilität der Verbraucher muss sich ja noch gar nicht konkret darin ausdrücken, dass keine abgepackte Wurst mehr gekauft wird. Trotzdem müssen sich Unternehmen, die Wurst verpacken, schon heute fragen, ob Kunststoff in Zukunft noch das Verpackungsmaterial der ersten Wahl sein wird. Wenn dann für einen Verpacker eine Investition ansteht, stellt er sich als Unternehmer selbstredend die Frage, ob er diese Maschine in fünf, zehn Jahren überhaupt noch nutzen wird. Vielleicht ist es vorteilhafter, zunächst abzuwarten und mit dem bestehenden Maschinenbestand eine Weile weiterzuproduzieren. Ein Motorenhersteller fragt sich beim Kauf einer Werkzeugmaschine, die dazu dient, einen Zylinderkopf zu bearbeiten, heute ja auch: Lohnt sich eine solche Investitionen bei der aktuellen Marktlage noch? Gehen Investitionen in alternative Antriebe nicht vor?

Unternehmen fragen sich, ob sie Maschinen in fünf, zehn Jahren überhaupt noch nutzen werden.
— Dr. Ralph Wiechers

Industrie.de: Brexit, Handelsstreit USA-China, Iran-Krise: Sind diese Faktoren der Hauptgrund für die Krise?

Wiechers: Was Haupt- und was Nebenursache für den Abschwung ist, lässt sich pauschal nicht beantworten. Grundsätzlich darf man nicht außer Acht lassen, dass schon allein die für den Maschinenbau typische Zyklizität des Geschäfts ihren Teil zu der aktuellen Entwicklung beiträgt. Nach Jahren des Wachstums kennen wir das. Was nun speziell die Handelspolitik betrifft, spüren wir die Auswirkungen des Handelsstreits zwischen den USA und China teils sehr deutlich –  direkt und indirekt. Direkt dadurch, dass viele Maschinenbauer auch in China aktiv sind, dort teilweise auch für den US-amerikanischen Markt produzieren und insofern von Zöllen unmittelbar betroffen sind. Indirekt dadurch, dass chinesische Kunden und andere Betroffene weniger bestellen. Dann zum Brexit: Großbritannien ist für viele Maschinenbauer im vergangenen Jahr noch gut gelaufen. Dahinter steckt der eine oder andere Lageraufbau vor Ort. Zudem war die Industrie in Großbritannien im weltweiten Kontext durch die Abwertung des Pfunds gut ausgelastet. Aber im laufenden Jahr sind unsere Exporte in das Vereinigte Königreich deutlich rückläufig. Schließlich die Sanktionen gegen den Iran: Wir hatten nach der Lockerung der Sanktionen vor vier Jahren große Hoffnungen in diesen Markt gesetzt. Sie haben sich aus den bekannten Gründen nicht erfüllt. Mehr noch: Die Praxis der USA, Nicht-US-Unternehmen, die mit dem Iran Geschäfte machen wollen, extraterritorial in Geiselhaft zu nehmen, macht Schule. Schon jetzt zeigen Finanzdienstleister Zurückhaltung bei Russlandgeschäften. Und morgen ist vielleicht das Chinageschäft an der Reihe.

Industrie.de: Continental hat mehr oder weniger entschieden, sich vom Verbrenner zu verabschieden, genauso wie ZF einen Riesenauftrag für Elektromotoren bekommen hat. Ist aus Ihrer Sicht der Schwenk zur Elektromobilität vielleicht auch ein wenig überhastet?

Wiechers: Ich möchte keine Unternehmensentscheidungen kommentieren, aber das Tempo, in dem solche Entscheidungen getroffen werden, ist schon enorm. Wir haben erst kürzlich eine Überarbeitung unserer Studie Antrieb im Wandel (externer Link, Anmeldung erforderlich, d. Red.) in Auftrag gegeben, da der Umbruch deutlich schneller vonstattengeht als gedacht.

„Es gibt klare politische Bestrebungen und mittlerweile auch Maßnahmen […], Konsumentscheidungen zu Gunsten der E-Mobilität zu beeinflussen.“
— Dr. Ralph Wiechers

Industrie.de: Continental hat gesagt, dass man auch dem Druck der Politik nachgibt, die sich offensichtlich auf E-Autos eingeschossen hat…

Wiechers: Es gibt klare politische Bestrebungen und mittlerweile auch Maßnahmen, beispielsweise im Klimapaket der Bundesregierung, Konsumentenentscheidungen zu Gunsten der E-Mobilität zu beeinflussen. Das fängt an bei Fahrverboten und hört auf bei Kaufprämien für Elektroautos. Zweifelsfrei gilt: Die Mobilität der Menschen wandelt sich. Doch statt einseitig auf die Elektromobilität zu setzen, sprechen wir uns für technologieoffene Lösungen aus. Sprich: Der Wandel darf nicht allein durch einseitige, auf das Automobil gemünzte Regulierung und Grenzwerte gelenkt werden. Nur durch Freiräume beim Innovieren lassen sich die unterschiedlichen Herausforderungen der Mobilität vom Fahrrad über den Bagger oder Traktor bis hin zum Containerschiff meistern.

Industrie.de: Christian Lindner fordert mehr Einmischung der Politik oder die Abschaffung der Schwarzen Null. Was erwarten Sie in der aktuellen konjunkturellen Lage von der Politik?

Wiechers: Die Forderungen nach Abschaffung der Schwarzen Null muten angesichts der über Jahre kräftig gestiegenen Steuereinnahmen schon seltsam an. Zudem wird der Haushalt durch extrem niedrige bis Nullzinsen seit Jahren erheblich entlastet. Diese Spielräume wurden vornehmlich genutzt für politische Maßnahmen, die den Konsum förderten. Wenn wir also heute über marode Straßen und Brücken klagen, so ist das die Folge falscher Prioritätensetzung und nicht fehlender Haushaltsmittel. Rein ökonomisch betrachtet ist zwar nachvollziehbar, dringend notwendige Infrastrukturaufgaben fremdzufinanzieren, wenn der Staat fürs Schulden machen sogar noch Geld bekommt. Doch politisch laufen wir mit der Lockerung der Schuldenbremse Gefahr, dass die so gewonnen Haushaltsspielräume am Ende wieder eher konsumtiven Verwendungszwecken zugeführt werden.

„Ich glaube, dass sich viele Unternehmer seit Jahren von der Politik im Stich gelassen fühlen.“
— Dr. Ralph Wiechers

Zudem würde ein klassisches Konjunkturprogramm, beispielsweise in Form zusätzlicher öffentlicher Aufträge in den Straßenbau, mangels Kapazitäten schlicht in Preissteigerungen verpuffen. Unsere derzeitige Schwäche basiert vornehmlich auf Problemen im internationalen Außenhandel. Es geht deshalb nicht darum, die Binnennachfrage zu stimulieren, sondern darum, unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Wir haben viele Dinge auf der Liste, die in den vergangenen Jahren nicht angepackt wurden, ob das nun die digitale Infrastruktur ist oder einfach wachstumspolitische Impulse sind. Mein Plädoyer an die Politik ist daher: Macht endlich ernst mit euren Versprechungen und schafft Rahmenbedingungen, die helfen, unternehmerische Risiken einzugehen. Ich glaube, dass sich viele Unternehmer seit Jahren von der Politik im Stich gelassen fühlen. Und wenn wir auf der einen Seite über Konjunkturprogramme sprechen, und auf der anderen Seite Kapitalgesellschaften – egal welcher Größe – komplett von der Absenkung des Solidaritätszuschlages ausschließen, führt das nicht gerade zu Begeisterung im Unternehmerlager.


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Industrie.de: Eine Frage zum Abschluss: Was empfehlen Sie kleinen und mittelständischen Unternehmen? Wie haben diese sich aktuell zu verhalten oder wie sollten sie sich verhalten?

Wiechers: Ich glaube, die Unternehmen wissen sehr gut, wie sie in der aktuellen Situation agieren müssen. Sie mussten sich in den vergangenen Jahren ja immer wieder auf neue Situationen einstellen. Unternehmer schauen, wenn der Wind ihnen ins Gesicht bläst, natürlich, wo sie Kosten sparen und ihr Personal flexibler einsetzen können, also effizienter wirtschaften können. Aber sie schauen auch nach neuen Geschäftsfeldern, streben nach Innovationen, um im Wettbewerb besser dazustehen und Einbußen zu kompensieren. Dafür gibt es kein Rezept. Ich würde deshalb niemals sagen: Macht dies oder macht jenes. Das Einzige, was man sagen kann, ist: Lasst euch nicht verrückt machen, geht besonnen vor, setzt auf eure Innovationskraft und den unbedingten Glauben an die Zukunft, so wie ihr das in den letzten Jahren regelmäßig unter Beweis gestellt habt.


Kontakt zum VDMA

VDMA e. V.
Lyoner Str. 18
60528 Frankfurt
Tel.: +49 69 66 03 0
E-Mail: kommunikation@vdma.org
Website: www.vdma.org

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