Industrie 4.0 im globalen Kontext

Digitale Zukunft á la française

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Welche Bedeutung hat das Thema Industrie 4.0 im globalen Kontext? Im zweiten Teil der Serie „Industrie 4.0 global“ der elektro AUTOMATION steht Frankreich im Mittelpunkt. Dort redet man über „Industrie du futur“, wenn man über die vierte industrielle Revolution spricht. Bereits im Jahr 2015 wurde der entsprechende Verband zur „Industrie der Zukunft“ – Association pour l’Industrie du futur – gegründet. Darin haben sich Akteure aus Wirtschaft, Industrie und Wissenschaft zusammengeschlossen.

In Deutschland ist Industrie 4.0 das Thema schlechthin. Auch in anderen Ländern wie den USA wird die Digitalisierung der Industrie vorangetrieben. Unser Nachbarland Frankreich ist diesbezüglich ebenfalls aktiv und hat mit der „Association pour l’Industrie du futur“ einen Verband gegründet, der nicht nur zum Ziel hat die Digitalisierung zu gestalten, sondern die Grande Nation zu einem der weltweit wichtigsten Standorte für „Industrie der Zukunft“ zu machen. Unter diesem Begriff versteht man die Modernisierung und Digitalisierung der industriellen Prozesse, die hierzulande als „Industrie 4.0“ bezeichnet werden. Wie in Deutschland fördert bzw. unterstützt der französische Staat ebenfalls entsprechende Initiativen und Projekte. „In der Tat“, bestätigt Andreas Barth, Managing Director EuroCentral bei Dassault Systèmes, „auch in Frankreich wissen Politiker und Entscheider, dass Unternehmen nur dann wettbewerbsfähig bleiben, wenn sie die Produktion mit modernster Informations- und Kommunikationstechnik verzahnen.“ Denn nur so würden sie wirtschaftlich, flexibel und nachhaltig agieren können. Ohne die Digitalisierung der Produktion, so Barth, verlieren Unternehmen also mittelfristig Marktanteile und damit sinkt auch die Beschäftigung. „Oder positiv formuliert – Industrie 4.0 bietet enorme Potentiale für den Wirtschaftsstandort und darum rangiert das Thema ganz oben in der Aufmerksamkeit aller entwickelten Industrienationen“, verdeutlicht er.

Staatliche Förderung für Industrieprojekte

Auch Jacques Brygier, Directeur Géneral beim Software-Unternehmen Sysgo SAS, einem Mitgliedsunternehmen des Smart, Safe and Secure Platform (S3P)-Konsortiums, macht klar: „Industrie 4.0 ist in Frankreich für die großen Industrieunternehmen und die staatlichen Stellen durchaus ein Begriff und wird in der Presse vielfach thematisiert. So rief der frühere französische Minister Arnaud Montebourg 2013 eine Initiative unter dem Namen „Nouvelle France Industrielle“ (das neue industrielle Frankreich) ins Leben um die Industrie Frankreichs wiederzubeleben.“ Es sei geplant gewesen innovative Industrieprojekte für eine staatliche Förderung auszuwählen. Damals“, so Brygier, wurden 34 Projekte benannt, doch 2015 startete der neue Minister für Wirtschaft, Emmanuel Macron, Phase 2, indem er diese Initiative neu ordnete und neun Marktsegmente als Schwerpunkte festlegte. „Der Plan heißt nun „Industrie du Futur“ (Industrie der Zukunft) und hat sehr ähnliche Zielsetzungen wie Industrie 4.0.“, erläutert er.
Angesichts der Bedeutung des Themas wundert es kaum, dass Frankreich und Deutschland wichtige Partner im Bereich der Digitalisierung sind. Und in beiden Länder laufen Initiativen, die die Wettbewerbsfähigkeit der produzierenden Industrien weiter ausbauen sollen: die deutsche „Plattform Industrie 4.0“ und die französische „Alliance Industrie du Futur“. Den Grundstein für die Kooperation der beiden Initiativen wurde im Oktober 2015 auf einer Konferenz zur Digitalisierung in Paris gelegt: der „Conférence Numérique”. An diesem Auftakttreffen nahmen Präsident Hollande, Bundeskanzlerin Merkel, die Wirtschaftsminister Macron und Gabriel sowie der Präsident der Europäischen Kommission Juncker teil. Im Anschluss daran wurde im Rahmen mehrerer Zusammenkünfte ein Aktionsplan für die künftige Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Digitalisierung entwickelt. Die Kooperation ist eng mit den europaweiten Aktivitäten verbunden und weist folgende Schwerpunkte auf: Anwendungsszenarien und Anwendungsbeispiele, Technologie und Testinfrastruktur, Standardisierung sowie Ausbildung und Veränderungen bei Kompetenzanforderungen und Arbeitsorganisation.

Vernetzung aller Beteiligten

Die Frage ist, ob es sich bei der deutschen „Plattform Industrie 4.0“ und der französischen „Alliance Industrie du Futur“ um verschiedene Bezeichnungen für die gleiche Sache oder ob sich die Ansätze voneinander unterscheiden? Dassault-Systèmes-Experte Barth: „Die Schnittmenge ist sehr groß. Beide Initiativen wollen insbesondere bei kleinen und mittleren Unternehmen das Bewusstsein für die Chancen der umfassenden Digitalisierung schärfen und ihnen dabei helfen, die Modernisierung ihrer Prozesse voranzutreiben.“ Darüber hinaus, so der Manager, zielen beide Initiativen darauf ab, alle an diesem industriellen Wandel Beteiligten miteinander zu vernetzen. Auf nationaler wie auf internationaler Ebene.
Die digitale Transformation in Frankreich zu unterstützen hat sich auch das Smart, Safe and Secure Platform (S3P)-Konsortium unter der Trägerschaft der französischen Regierung auf die Fahnen geschrieben. „Das S3P-Projekt ist eines der von dieser Initiative ausgewählten Projekte“, erklärt Jacques Brygier. Es gehöre zum Marktsegment „Confiance Numérique“ (Digitales Vertrauen). Ziel sei es, eine Softwareentwicklungs- und Ausführungsplattform für das IoT (Internet der Dinge) und das IIoT (das IoT für Industrien) aufzubauen. „Der Schwerpunkt liegt auf dem eingebetteten Systemteil einer IoT-Infrastruktur, so der Sysgo-Geschäftsführer aus Frankreich: „Er ist nicht auf die Analyse großer Datenmengen, sondern auf die angeschlossenen Objekte gerichtet.“ Letztlich hat sich S3P die rasche Entwicklung und Nutzung von IoT-fähigen Produkten und Applikationen zum Ziel gesetzt, um eine Kombination von Sicherheit, Schutz, Agilität und Portierbarkeit zu realisieren. Technologie-Anbieter im Embedded-Software-Markt arbeiten gemeinsam daran, Plattformen für die Entwicklung und Ausführung von Software zu schaffen, welche die IoT-Anforderungen wichtiger Industriebereiche wie Luft- und Raumfahrt, Automobiltechnik, Verkehrswesen, Gesundheitswesen, Konsumtechnik, vernetztes Zuhause, usw. erfüllen können. Das aktuelle Konsortium setzt sich laut Brygier zusammen aus Endbenutzern aus verschiedenen Systemanbietern wie Airbus, Alstom, Altran, AXA, Continental Automotive, Eolane, Safran, Schneider Electric, Sorin, SurTec und Thales sowie Softwareanbietern wie Sysgo, MicroEJ, Krono-Safe, Prove& Run, Ansys/Esterel, PrismTech und TrustInSoft. Zudem sind Hardwareanbieter wie ST Microelectronics und NXP sowie wissenschaftliche Einrichtungen wie CEA List und Telecom ParisTech mit im Boot.
Brygier: „S3P selbst ist nicht ‚noch eine weitere Plattform‘. Es ist eher eine pragmatische Herangehensweise, die von unten nach oben aufbaut und auf den jeweiligen Anwendungsfall zugeschnitten ist. Man will mit den vorhandenen kommerziellen Produkten beginnen, die verschiedenen Anwendungsfälle durchgehen und dann feststellen, welche Kombinationen die beste Lösung für das Problem sind.“ Diese Herangehensweise unterstütze die Entwicklung einer wiederverwendbaren Integration der Technikanbieter zur besseren Befriedigung der Bedürfnisse ihrer Kunden. „Unsere Software Pike OS 4.1 ist ein wesentlicher Bestandteil des S3P-Projekts. Durch ihn können Anwendungsentwickler sicherheitskritische Funktionalitäten vor Bedrohungen von außen schützen, die eine Vernetzung mit dem „Internet der Dinge“ mit sich bringen kann“, erklärt er. Pike OS ist europaweit das führende Real-Time Operating-System mit Hypervisor, das auf Multi-Core-Plattformen zertifiziert und somit für den Einsatz in sicherheitskritischen IoT-Umgebungen geeignet ist.

Standardisierung hat große Bedeutung

Aber auch die anderen großen Initiativen „Alliance Industrie du Futur“ und „Plattform Industrie 4.0“ haben längst den Boden grauer Theorie verlassen. Unteranderem sind konkrete Bemühungen in Sachen Standardisierung im Gange. Denn Interoperabilität und globale Standardisierung sind in diesem Kontext von großer Bedeutung. Dass Standardisierung eine sehr große Bedeutung hat, sieht auch Andreas Barth: „Denn kein Hersteller der Welt kann es sich leisten, Produkte zu entwickeln, die sich nur eingeschränkt vernetzen lassen. Interoperabilität und globale Standardisierung schaffen deshalb auf dem Gebiet der Digitalisierung die für die Unternehmen notwendige Investitionssicherheit. Und damit letztlich die Grundlage für innovative Entwicklungen.“ Um die Standardisierung voranzutreiben und den EU-Binnenmarkt auf dem Gebiet der Digitalisierung zu stärken, haben sich beide Initiativen darauf geeinigt, einen gemeinsamen Rahmen weiterzuentwickeln, der vom Referenzmodell RAMI 4.0 (Reference Architecture Model Industrie 4.0) abgeleitet ist. Weitere Themenfelder sind Robotik und Additive Manufacturing. Die erste Fassung eines gemeinsamen Aktionsplans für die internationale Standardisierung soll Ende 2016 vorliegen.
Überhaupt stehen beim Thema Industrie 4.0 – das hat nicht zuletzt die diesjährige Hannover Messe Industrie mit 100 konkreten Anwendungsbeispielen gezeigt – mittlerweile praktische Lösungen im Fokus. Auch in Frankreich beschäftigen sich die Mitglieder von „Industrie du Futur“ folgerichtig mit konkreten Produkten für die Digitalisierung der Produktion. Dassault Systèmes aktiver Partner der Initiative bietet diesbezüglich End-to-End Konnektivität: Vom ersten Entwurf über die Simulation und Produktionsplanung und -steuerung bis hin zum Vertrieb und Marketing. „Basis für alle Geschäftsprozesse sind digitale Produktdaten und genau hier setzen unsere Lösungen an. Wichtiger noch als einzelne Tools ist jedoch eine zentrale Plattform, wie wir sie mit der 3DExperience Plattform bieten“ verdeutlicht Barth. Dort würden sämtliche Anwendungen zusammenlaufen. Sie diene als einzige einheitliche Datenbasis, über die Mitarbeiter und Anwendungen auf die aktuellsten Versionen zugreifen. „Denn eine hochgradig vernetzte Fabrik verliert ihre Effizienz, sobald Anwendungen mit unterschiedlichen Versionen von Daten arbeiten“, so der Experte.

Frankreich beansprucht Vorreiterrolle

Ziel der Initiative „Industrie der Zukunft“ ist es letztendlich, dass Frankreich eine Vorreiterrolle bei den weltweiten, industriellen Umstrukturierungsprozessen einnehmen möchte. „Die französische Initiative“, erklärt Barth, „ist ein Zusammenschluss von Vertretern aus Wirtschaft, Industrie und Wissenschaft, deren Ziel es ist, wie bereits erwähnt, Unternehmen zur Transformation ihrer Organisation und ihrer Geschäftsmodelle zu ermutigen, da die Grenzen zwischen Industrie und Dienstleistungen immer mehr verschwimmen.“ Aber dies sei ja kein französisches Phänomen und könne daher nicht nur lokal angegangen werden, sondern müsse global adressiert werden. Und tatsächlich zielt auch die „Plattform Industrie 4.0“ unter anderem darauf, die Wettbewerbsfähigkeit des Produktionsstandorts Deutschland weiter zu steigern und eine Vorreiterrolle bei der Setzung von Standards zu spielen. Trotz globalem Wettbewerb arbeiten Franzosen und Deutsche – sowohl die Politik als auch die Gremien (Industrie-4.0-Plattform, Initiative Industrie du Futur, Smart, Safe and Secure Platform (S3P)-Konsortium) sowie einzelne Unternehmen – bei der Digitalisierung eng zusammen. „Alle Beteiligten wissen um die Notwendigkeit, sich zu öffnen und im eigenen Interesse ihr Know-how mit Partnern zu teilen“, so Barth. Das hierfür nötige Vertrauen müsse wachsen und dafür brauche es Vorbilder. „Ein schönes Beispiel für eine gelungene unternehmens- und disziplinübergreifende Zusammenarbeit ist die Fachgruppe „Systems Engineering“, die wir gemeinsam mit dem OWL Maschinenbau, dem it‘s OWL und der GFsE e.V. (Gesellschaft für Systems Engineering) gegründet haben. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, diesen Schritt zu machen und gemeinsam an Zielen zu arbeiten“, so der Managing Director EuroCentral von Dassault Systèmes.

Zusammenarbeit funktioniert

Und auch Jacques Brygier von Sysgo ist diesbezüglich zuversichtlich. „Es gibt Kontakte auf Regierungsebene zwischen Frankreich und Deutschland zur Ermittlung möglicher Synergien“, weiß er zu berichten. Außerdem habe zu S3P während der Embedded World im Februar des vergangenen Jahres am Firmensitz von Siemens in Nürnberg ein Treffen stattgefunden. Teilnehmer seien die wichtigsten Mitglieder, ein Vertreter der DGE (Direction Générale des Entreprises – Generaldirektion der Unternehmen) und Vertreter des BMWi (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) und des BMWf (Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung Österreichs). Der nächste Schritt bestehe darin, einen mehr technisch ausgerichteten Workshop zu veranstalten, auf dem die Bedürfnisse der Industrie beider Seiten als auch die bereits vorhandenen Technologien und Produkte ermittelt werden sollen.
Johannes Gillar ist freier Journalist in Leinfelden-Echterdingen, im Auftrag der Fachzeitschrift elektro AUTOMATION


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