Chemische Beizmittel überflüssig

Anlage mit E-VITA-Elektronenbehandlung von Saatgut eingeweiht

Elektronenbehandlung von Saatgut
Die Elektronenbehandlung von Saatgut ist das erste physikalische Verfahren, das sich großflächig in der Landwirtschaft etabliert hat. Bild: Fraunhofer
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Mit der Einweihung der zweiten Anlage zur Behandlung von Saatgut mit niederenergetischen Elektronen kommt es zu einer deutlichen Kapazitätserweiterung. Erstmals kann damit der gesamte Bedarf nach elektronenbehandeltem Saatgut gedeckt werden.

„Die E-VITA-Technologie ist ein überzeugendes Beispiel für den Einsatz physikalischer Verfahren in der Landwirtschaft. Damit bekommt die Landwirtschaft ein Instrument in die Hand, um Anwender und die Umwelt zu schützen. Und zwar ohne Verlust von Wirksamkeit“, ist Andreas Prelwitz, verantwortlich für die Produktentwicklung Saatgut bei der Ceravis AG, überzeugt. Allein die Tatsache, dass auf etwa jedem fünften Hektar der Getreidefläche in Mecklenburg-Vorpommern zur diesjährigen Ernte elektronenbehandeltes Saatgut zur Aussaat gekommen sei, beweise die hohe Akzeptanz des Verfahrens.

„Die hohe Nachfrage nach elektronenbehandeltem Saatgut hat uns bewogen, eine weitere E-VITA-Anlage in Güstrow zur Herbstaussaat 2018 zu errichten“, berichtet Prelwitz. Diese neue Anlage sei auch eine Investition für die Landwirtschaft, die zunehmend unter dem Verlust von Wirkstoffen bei Pflanzenschutzmitteln leide. Für die Saatgutbehandlung sei dank E-VITA daher zukünftig keine negative Auswirkung für die Landwirtschaft zu erwarten, wenn noch mehr chemische Beizmittel ihre Zulassung verlören.

Ergebnis 20-jähriger Entwicklung

Die E-VITA-Technologie wird bisher in der Saatgutbehandlung von Getreide und Körnerleguminosen eingesetzt. Erste praktische Erfahrungen gibt es bereits bei Mais und Raps. Gegenwärtig läuft ein Forschungsprojekt, um die Einsatzmöglichkeiten bei Futtersaaten (Gräser, kleinkörnige Leguminosen) zu untersuchen.

„Die Elektronenbehandlung von Saatgut ist das erste physikalische Verfahren, das sich großflächig in der Landwirtschaft etabliert hat. Sie ist das Ergebnis einer mehr als 20-jährigen Entwicklung, gemeinsam mit Universitäten, unabhängigen Prüfeinrichtungen, Saatgutproduzenten und Landwirten.“, erklärt André Weidauer, stellvertretender Abteilungsleiter Elektronenstrahlprozesse am Fraunhofer FEP. Als wichtigster Vorteil habe sich durch die Eliminierung der Beizstäube die sehr hohe Anwender- und Umweltfreundlichkeit herausgestellt. Darüber hinaus biete das Verfahren aber zahlreiche weitere Vorteile:

  • Keine gesundheitlichen Gefahren für den Anwender!
  • Biologische Wirksamkeit gegen samenbürtige Erreger und Ertragssicherheit!
  • Keine Gefahrstoffauflagen! (Sicherheitsauflagen, Umwelt- und Anwenderschutz)
  • Keine Schädigung von Nützlingen!
  • Keine chemischen Rückstände im Boden!
  • Keine Resistenzbildung bei den Pathogenen!
  • Zulassung für den ökologischen Landbau!
  • Bessere Fließfähigkeit in der Drillmaschine!
  • Problemlose Verwertung von Saatgutresten als Futtermittel!

Die neue Anlage erreicht die gleiche Leistung wie die erste Anlage: 25 Tonnen pro Stunde bei Getreide. Dabei ist das neue Anlagenkonzept, das auf einem Standard-Container basiert, nicht nur platzsparender als vorangegangene Anlagenkonzepte. Es ist auch ohne Sonderzulassung mobil einsetzbar. Darüber hinaus konnte die Anlagenverfügbarkeit durch neue Komponenten weiter erhöht werden.

Bisher ist heute weltweit nur das Fraunhofer FEP in der Lage, die entsprechende leistungsfähige Technologie für die Erzeugung der benötigten Elektronen zur Verfügung zu stellen. Ceravis ist das erste Unternehmen weltweit, das diese Technologie zur Dekontamination (Desinfektion) von Saatgut großtechnisch nutzt. Das gleiche Verfahrensprinzip wird wegen der hohen Wirksamkeit weltweit auch zur Desinfektion von medizinischen Produkten und Getränkeverpackungen genutzt.

Die Elektronenbehandlung erzeugt keine optische Veränderung des behandelten Saatguts. Damit ist für den Landwirt eine Behandlung nicht sichtbar. Durch einen umfangreichen Probeanbau in zahlreichen Landwirtschaftsbetrieben konnten aber gemeinsam mit den Landwirten positive Erfahrungen gesammelt werden, die letztendlich zum Vertrauen in dieses Verfahren beitrugen. Das Hauptargument der chemischen Industrie (die fehlende Wirkung gegen bodenbürtige Erreger) konnte durch zahlreiche Exaktversuche bei offiziellen Prüfstellen (Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft BBA, Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern, Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein, Humboldt-Universität Berlin, Landesamt für Landwirtschaft Brandenburg) und den langjährigen Erfahrungen der Landwirtschaft widerlegt werden.

Nutzung bei anderen Fruchtarten

Einer größeren Verbreitung des Verfahrens standen bisher die hohen Investitionskosten im Wege. Mit der geplanten Einführung einer neuen Elektronenquelle, bei der keine Glühemitter für die Elektronenemission mehr benötigt werden, sinken die Anlagenkosten deutlich. Damit erhalten zukünftig auch kleinere Saatgutunternehmen die Möglichkeit, das Verfahren zu nutzen. Darüber hinaus wird die Nutzung des Verfahrens bei anderen Fruchtarten (Futtersaaten, Gemüsesaatgut) intensiv geprüft.

Von großem Vorteil ist dabei, dass die Elektronenbehandlung auch gegen Viren und Bakterien, die am Saatgut haften, mit sehr hoher Wirksamkeit einsetzbar ist. Um die Sicherheit der Elektronenbehandlung noch weiter zu erhöhen, wird gegenwärtig an einem zusätzlichen biologischen Schutz gearbeitet. Mit der gezielten Aufbringung von Bakterien, die natürlich im Boden vorkommen und dort bereits in Symbiose mit verschiedenen Nutzpflanzen leben, können viele Vorteile auf das Saatgut und damit auf die Keimpflanze übertragen werden. Die ersten Ergebnisse sind nach Aussage der Forscher vielversprechend. (ig)

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