Deutsches Gesundheitswesen

Offensive gegen schleichenden Qualitätsverlust

Die duale Finanzierung der Krankenhäuser durch Krankenkassen und Bundesländer führt regelmäßig zu Konflikten darüber, wer bestimmte Leistungen beziehungsweise Investitionen finanzieren muss. Bild: Klinikum Schwabing
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Wie bewerten die Deutschen ihre medizinische Versorgung? Wo sehen sie Schwachstellen? Wie stehen sie zu aktuellen Trends im Gesundheitswesen? Zu diesen und anderen Schwerpunkten hat die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) in den vergangenen fünf Jahren fast 15.000 Menschen in Deutschland befragt.

Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC, hat die Ergebnisse in einer Studie zusammengefasst – und leitet daraus Handlungsempfehlungen für einen strukturellen Neustart im Gesundheitswesen ab. „Politische Reformversuche sehen wir im Gesundheitswesen etwa alle zwei Jahre“, kommentiert Michael Burkhart. „Dabei bleiben wichtige Grundsatzfragen häufig unberührt.“ Um die hohe medizinische Qualität des Gesundheitswesens für die Zukunft zu sichern, schlägt er Verbesserungen in fünf Themenfeldern vor.

Monistische statt duale Krankenhausfinanzierung

Die duale Finanzierung der Krankenhäuser durch Krankenkassen und Bundesländer führt regelmäßig zu Konflikten darüber, wer bestimmte Leistungen bzw. Investitionen finanzieren muss. Die Folge: Am Ende zahlt häufig niemand und wichtige Veränderungen bleiben aus.

PwC-Gesundheitsexperte Burkhart schlägt daher eine monistische Krankenhausfinanzierung durch die Krankenkassen vor, wie sie bereits in der Altenpflege, der Rehabilitation und der Diagnostik besteht. Die Gesamtkosten blieben dadurch gleich, doch die eindeutige Zuständigkeit ermögliche wichtige Entscheidungen. Einzige Ausnahme: Universitätsklinken und akademische Lehrkrankenhäuser sollten weiter aus steuerfinanzierten Budgets der Länder betrieben werden.

Qualitätsanreiz durch Pro-Einwohner-Finanzierung

Michael Burkhart schlägt darüber hinaus eine Krankenhausfinanzierung pro Einwohner vor: Ein Krankenhaus ist für die Bürgerinnen und Bürger in seinem Umkreis zuständig und erhält für deren Behandlung ein Budget. Je weniger Menschen behandelt werden müssen, desto profitabler ist die einzelne Klinik. „Damit würde man die Kliniken belohnen, die stärker auf Prävention als auf Behandlung von Krankheiten setzen“, sagt Burkhart. Gingen Patienten lieber in ein anderes als das eigentlich für sie zuständige Krankenhaus, müsste das „Heimatkrankenhaus“ dem behandelnden Krankenhaus einen bestimmten Betrag bezahlen. „So besteht ein Anreiz für jede Klinik, in ihrem Zuständigkeitsbereich die beste zu sein“, sagt Burkhart.

Systemrelevante und marktwirtschaftliche Kliniken

Welche Kliniken sind „systemrelevant“, erbringen also notwendige Gesundheitsleistungen in einer für die Bevölkerung akzeptablen Entfernung, welche stehen in ihrer Region mit anderen Anbietern im Wettbewerb? Die Unterscheidung ist PwC-Experte Michael Burkhart wichtig, denn: Für „systemrelevante“ Kliniken wäre ein Verlustausgleich trotz monistischer Finanzierung möglich, eine Schließung ohne Zustimmung des jeweiligen Bundeslandes würde dadurch verhindert. Und: „Die Verluste marktwirtschaftlich agierender Einrichtungen dürften dann nicht mehr mit öffentlichen Geldern ausgeglichen werden.“

Größere Anreize für Landärzte

Ländliche Regionen sind medizinisch strukturell unterversorgt. Die Politik steuert mit der sogenannten Landarztquote gegen, auch Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen wollen mit dem „Masterplan Medizinstudium 2020“ mehr Ärzte für ländliche Regionen gewinnen. Größte Hindernisse für Ärzte auf dem Land sind wenig familien- und freizeitfreundliche Arbeitszeiten sowie das unternehmerische Risiko. „Abhilfe könnten hier Zentren schaffen, in denen sich gründungswillige Ärzte zusammentun“, sagt Burkart. Zu denken sei dabei an Förderprogramme für Existenzgründungen von Landärzten sowie günstige oder zinslose Gründungsdarlehen.

Sichere Arzneimittel dank IT-Lösungen

Geschätzte drei bis fünf Prozent der Todesfälle in Europa gehen auf unerwünschte Neben- oder Wechselwirkungen von Medikamenten zurück. Etwa zehn bis 15 Prozent dieser Fälle seien vermeidbar. „In unserer alternden Gesellschaft sind immer mehr Menschen auf Medikamente angewiesen. Die Überwachung der Arzneimittelsicherheit wird daher immer wichtiger“, erklärt Michael Burkhart.

Ein Risiko bestehe darin, dass viele Patienten gleichzeitig von verschiedenen Ärzten Medikamente verordnet bekommen. Mangelnde Absprache der Behandler erhöhe prinzipiell das Risiko schwerwiegender Neben- oder Wechselwirkungen. Hier, sagt Burkhart, brauche es E-Health-Systeme, um die Vielzahl aller möglichen Wirkstoffkombinationen schnell zu überblicken. Studien zeigen, dass IT-Lösungen Medikationsfehler um mehr als 80 Prozent verringern können.

„Die PwC-Vorschläge zielen darauf ab, die Gesundheitsversorgung als wichtigen Teil der Daseinsvorsorge zu erhalten. Marktwirtschaftliche Anreize halte ich dort für sinnvoll, wo dies nicht zu Lasten der Qualität geht – oder die Qualität sogar verbessert“, resümiert er. (ig)

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