Gewinner der Globalisierung

Forschung & Analyse

Industrieländer sind die Gewinner der Globalisierung

Globalisierung kann eindeutig Wohlstandsgewinne schaffen. Protektionismus ist der falsche Weg. Doch die Globalisierung muss so gestaltet werden, dass der Mensch im Mittelpunkt steht. Bild: Digitales Wirtschaftswunder
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Der Rückzug ins Nationale hat Konjunktur – gerade in den Industrieländern: Die Wahlergebnisse zwischen Washington und Berlin spiegeln die Sorgen der Bürger vor den negativen Folgen der Globalisierung. Der aktuelle Globalisierungsreport der Bertelsmann Stiftung zeigt jedoch, dass die Gewinner der Globalisierung häufig dort zu Hause sind, wo die Globalisierungskritik am lautesten ist: in den Industrieländern.

Die Menschen in den Industrieländern profitieren wirtschaftlich am stärksten von einer zunehmenden Globalisierung. Das zeigt der Globalisierungsreport 2018, der von der Prognos AG im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellt wurde. Der Report misst für 42 Industrie- und Schwellenländer den Grad der internationalen Verflechtung und die daraus resultierenden Wohlstandsgewinne. Deutschland gehört laut Untersuchung zu den zehn Ländern, die am stärksten von der zunehmenden Globalisierung profitieren (6. Platz). Konkret hat sich das reale Bruttoinlandsprodukt je Einwohner (BIP pro Kopf) hierzulande zwischen 1990 und 2016 in Folge einer voranschreitenden Globalisierung jährlich um rund 1.150 Euro erhöht. Insgesamt summieren sich die BIP-Zuwächse pro Kopf in Deutschland auf rund 30.000 Euro für den untersuchten Zeitraum.

„Der Report zeigt: Globalisierung kann eindeutig Wohlstandsgewinne schaffen. Protektionismus ist der falsche Weg. Doch die Globalisierung muss so gestaltet werden, dass der Mensch im Mittelpunkt steht. Nur so können wir ihr Erfolgsversprechen einlösen“, kommentiert Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, die Ergebnisse.

Grundlage für die Berechnung der globalisierungsbedingten Wohlstandsgewinne ist ein Index, der sich eng am sogenannten KOF Globalisierungsindex der Technischen Hochschule Zürich orientiert und den Grad der internationalen Verflechtung anhand von Indikatoren zur wirtschaftlichen, politischen und sozialen Ausprägung der Globalisierung misst. Gemäß dem Index sind die Niederlande und Irland die am stärksten globalisierten Länder. Indien und China hingegen sind unter den Letztplatzierten, weil hier die Öffnung der Märkte im Vergleich zu vielen Industrieländern später eingesetzt hat, es immer noch viele Marktzugangsschranken gibt und der jeweilige Binnenmarkt eine wichtige Rolle spielt.

Gewinner der Globalisierung: die Schweiz ist vorn, Indien Schlusslicht

Von 1990 bis 2016 wuchs das reale BIP aufgrund der voranschreitenden Globalisierung in allen 42 untersuchten Länder im Schnitt um rund eine Billion Euro pro Jahr. Dies entspricht in etwa der Wirtschaftsleistung einer mittelgroßen Volkswirtschaft wie Mexiko oder Südkorea.

Alle untersuchten Länder verzeichnen ein globalisierungsbedingtes Wachstum, jedoch in unterschiedlichem Ausmaß: Am stärksten profitieren laut Untersuchung die Schweizer. Das reale BIP pro Einwohner wuchs dort globalisierungsbedingt zwischen 1990 und 2016 um rund 1.900 Euro pro Jahr. In Indien, dem Schlusslicht bei den globalisierungsbedingten Zuwächsen, stieg es nur um durchschnittlich 20 Euro pro Jahr. Auch China (80 Euro pro Jahr) und Mexiko (120 Euro pro Jahr) verzeichnen nur unterdurchschnittliche absolute Zuwächse.

Grund für diese niedrigen Zuwachsraten in den Schwellenländern ist laut Bertelsmann Stiftung vor allem das dort vorherrschende geringe Ausgangsniveau des BIP pro Kopf zum Startpunkt der Messung. Schwellenländer wie China und Indien standen 1990 noch ganz am Anfang einer dramatischen Wachstumskurve und schneiden somit bei den absoluten Zuwächsen insgesamt schlechter ab als Industrieländer, die schon damals stärker international vernetzt waren.

Globalisierungsgewinne besser verteilen

Als eine der größten Baustellen der Globalisierung gilt nach den Ergebnissen der Studie die ungleiche Verteilung der Globalisierungsgewinne zwischen Industrie- und Schwellenländern und innerhalb einzelner Staaten. Da die Industrieländer seit langer Zeit über eine höhere Wirtschaftsleistung pro Einwohner verfügen, sind auch die absoluten Globalisierungsgewinne deutlich höher und für die Schwellenländer schwierig aufzuholen. Cora Jungbluth, Wirtschaftsexpertin der Bertelsmann Stiftung, sieht hier eine Wiederbelebung der WTO-Handelsrunden als mögliche Lösung: „Wir müssen eine internationale Wirtschaftsordnung fördern, die nicht auf das Recht des Stärkeren, sondern auf gemeinsame, verbindliche Regeln und Standards setzt“, glaubt Jungbluth. Nur so ließen sich Globalisierungsgewinne möglichst breit verteilen. Dazu gehören laut Bertelsmann Stiftung Marktöffnungen in Schwellenländern genauso wie der Subventionsabbau in Industrieländern.

In den Industrieländern sehen die Experten der Bertelsmann Stiftung hingegen die Notwendigkeit, die offensichtlichen und materiell greifbaren Vorteile der Globalisierung so zu verteilen, dass alle Bürger beteiligt werden. „Wir sehen anhand der Daten, dass uns die Globalisierung, gerade in Deutschland, deutliche Wohlstandsgewinne beschert“, so Jungbluth. Deshalb müsse auch hierzulande das Bewusstsein gestärkt werden, dass eine Verflechtung mit der Weltwirtschaft, die auf international anerkannten Regeln und Standards basiert, materielle Vorteile bringe. (ig)

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