Wirtschaft verändert sich tiefgreifend

Deutschlands Top-Unternehmen stoßen in fremde Branchen vor

Autohersteller entwickeln sich derzeit sukzessive zu Mobilitätsdienstleistern, die vom Strom fürs Elektroauto bis hin zu Apps zur Parkplatzsuche eine Vielzahl von Leistungen anbieten – und deshalb auch mit Energieversorgern, IT-Konzernen und anderen Dienstleistern konkurrieren. Bild: Daimler
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Unternehmen in Deutschland wagen sich mit wachsender Entschlossenheit auf unbekanntes Terrain und verändern die Wirtschaft dadurch tiefgreifend. Das zeigt die aktuelle Studie „New Entrants – New Rivals: How Germany’s top companies are creating a new industry world“ der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC, für die die 25 umsatzstärksten Unternehmen in elf Branchen analysiert und mehr als 300 Führungskräfte befragt wurden. Das zentrale Ergebnis: Die Zahl der Aktivitäten in fremden Branchen – von Fusionen und Übernahmen, Joint Ventures, Partnerschaften bis hin zu Produktentwicklung und Inkubationsprogrammen – hat sich seit 2012 nahezu verdreifacht.

Insgesamt verzeichneten die PwC-Experten im letzten Jahr 536 industrieübergreifende Aktivitäten, was sich auf rund ein Viertel der über 2.000 untersuchten Aktivitäten seit 2012 beläuft. Besonders expansionsfreudig zeigten sich die Automobilbranche und der Maschinenbau. „Die digitale Transformation löst die klassischen Branchengrenzen zunehmend auf“, erklärt Klaus-Peter Gushurst, Leiter Industries & Innovation bei PwC Deutschland. „Unsere Analyse zeigt, dass Deutschlands Top-Manager diese Situation zunehmend ernst nehmen und aktiv mitgestalten.“

Die beliebteste Methode zur Expansion in neue Branchen sind der Studie zufolge Inkubatoren-Programme, bei denen Unternehmen Gründer eng bei ihrer Entwicklung begleiten – gefolgt von Partnerschaften, Produktentwicklungen und M&A-Transaktionen. Darüber hinaus zeigt die Studie, dass der Expansionsdrang auch in nächster Zeit hoch bleiben wird. So kündigte die Hälfte der befragten Top-Manager an, dass ihr Unternehmen in den nächsten fünf Jahren in neue Branchen vorstoßen wird. Dabei setzen sie vor allem auf Produktentwicklungen (58 Prozent) und Partnerschaften (53 Prozent).

Pharmakonzerne drängen verstärkt in den Tech-Sektor

Die Zahlen widerlegen den verbreiteten Eindruck, dass deutsche Unternehmen zwar die Produktion automatisieren und Bestehendes optimieren, aber kaum neue Ideen und Geschäftsmodelle entwickeln. Auffällig ist, dass sie bei ihren industrieübergreifenden Aktivitäten insbesondere den Tech-Sektor ins Visier nehmen. Besonders ausgeprägt ist dieser Trend in der Gesundheitswirtschaft: Neun von zehn branchenübergreifende Aktivitäten deutscher Healthcare- und Pharma-Unternehmen zielen auf den Tech-Sektor. „Viele Unternehmen wandeln sich mehr und mehr zu Technologie-Anbietern. Sie kontern Angriffe aus der IT-Industrie, indem sie selbst in den Tech-Sektor drängen“, beschreibt Michael Burkhart, Leiter Gesundheitswesen & Pharma bei PwC Deutschland. Eine ähnliche Strategie verfolgen laut Studie auch rund zwei Drittel der Unternehmen in der Automobil- und Logistik-Branche.

Energiewirtschaft muss sich neu erfinden

Trotz der Vorstöße in neue Branchen gehen die befragten Manager überwiegend von einem auch weiterhin stabilen Kerngeschäft aus. Das gilt insbesondere in den Branchen Healthcare und Maschinenbau, wo nicht mal jeder Zehnte mit Einbußen rechnet. Völlig anders sieht es im Energiesektor aus: Hier erwarten 57 Prozent der Befragten einen Umsatzrückgang im bisherigen Geschäft – die mit Abstand höchste Quote im Branchenvergleich. „Gerade in der Energiebranche müssen die Verantwortlichen die Expansion in neue Branchen – zum Beispiel den Verkehrssektor oder die Wohnungswirtschaft – noch konsequenter vorantreiben. Denn nur so können sie zum Treiber der eigenen Disruption werden – anstatt der Getriebene zu sein“, kommentiert Norbert Schwieters, Leiter Energiewirtschaft bei PwC Deutschland.

Eine neue Wirtschaftsordnung entsteht

Die Transformation der Unternehmen wird auch die Wirtschaft insgesamt verändern: Zwei Drittel der befragten Führungskräfte gehen davon aus, dass sich die alten Branchenstrukturen zunehmend auflösen werden und stattdessen neue Cluster entstehen. Und dieser Prozess hat längst begonnen, wie die detaillierte Analyse der branchenübergreifenden Aktivitäten zeigt, von denen knapp 40 Prozent zur Entstehung neuer Cluster beitragen. So formierten sich laut Studie Mega-Cluster wie „Mobility Transformation“, „New Health“, „Digital Marketplace“ oder „Decentralised Financial Services“, in denen Unternehmen unterschiedlichster Prägung gegeneinander antreten.

Beispiel „Mobility Transformation“: Autohersteller entwickeln sich derzeit sukzessive zu Mobilitätsdienstleistern, die vom Strom fürs Elektroauto bis hin zu Apps zur Parkplatzsuche eine Vielzahl von Leistungen anbieten – und deshalb auch mit Energieversorgern, IT-Konzernen und anderen Dienstleistern konkurrieren. Ein Drittel aller Aktivitäten, die zur Bildung dieser neuen Cluster führen, ist auf Inkubatorenprogramme zurückzuführen, gefolgt von der Produktentwicklung in diesen Clustern (24 Prozent) und Partnerschaften (19 Prozent).

Digitale Transformation: Jetzt bloß nicht nachlassen

Klar ist für die Studienmacher: Die digitale Transformation ist in vollem Gange und wird die Wirtschaft in Deutschland nachhaltig verändern. Die Unternehmenslenker sollten sich deshalb nicht in Sicherheit wiegen und den nun eingeschlagenen Weg stattdessen konsequent fortsetzen. „Disruption kann buchstäblich über Nacht kommen. Es ist erfreulich, dass die führenden Unternehmen mehr Vorstöße in neue Geschäftsbereiche wagen. Angesichts des rasanten Wandels und des verschärften internationalen Wettbewerbs bezweifele ich jedoch, dass die bisherigen Anstrengungen ausreichen, um langfristig zu bestehen und zu reüssieren“, resümiert Klaus-Peter Gushurst, Leiter Industries & Innovation bei PwC Deutschland. Führungskräfte müssten die Transformation deshalb weiter vorantreiben – und zwar auf Basis einer kundenzentrierten Perspektive. (ig)

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