Folgen der Bildschirmarbeit mildern

Innovationen gegen zunehmende Kurzsichtigkeit

Fortschreitende Kurzsichtigkeit tritt besonders in Asien auf. Und Stadtleben und Digitalisierung tragen wohl zur weiteren Verbreitung von Myopie bei. Bild: EuroEyes
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Jedes Jahr trifft sich Anfang März in Shanghai die Augenoptikbranche zur größten asiatischen Messe rund um gutes Sehen und gesunde Augen. Ein besorgniserregendes Thema beschäftigt Optiker, Optometristen, Augenärzte und Brillenglashersteller besonders: die zunehmende Kurzsichtigkeit unter asiatischen Kindern und Jugendlichen, darunter auch in Form der progressiven Myopie, einer über die Jahre zunehmenden Form der Kurzsichtigkeit, die zu hochgradiger Myopie führen kann. In Asien leiden fast neun von zehn Kindern an Kurzsichtigkeit.

Bei Kurzsichtigkeit ist der Augapfel in den meisten Fällen länger als bei normalsichtigen Augen (Achsenmyopie). Das Längenwachstum bei progressiver Myopie kann sich über mehr als zehn Jahre erstrecken, mehrere Millimeter umfassen und damit bis zu Werten von -12 Dioptrien führen. Der entfernteste Punkt, der noch scharf gesehen werden kann, ist dann nur acht cm vom Auge entfernt. Die einfache Kurzsichtigkeit, die auch Schulmyopie (Myopia Simplex) genannte Form, entwickelt sich meist im Alter von zehn bis zwölf Jahren und ist angeboren. Sie führt in der Regel nicht zu schlechteren Werten als -6 Dioptrien.

Fortschreitende Kurzsichtigkeit tritt besonders in Asien auf. Und Stadtleben und Digitalisierung tragen wohl zur weiteren Verbreitung von Myopie bei: Gerade in der späten Kindheit und Jugend kommt durch Urbanisierung die Stimulation durch natürliches Tageslicht für die gesunde Augenentwicklung zu kurz, denn die Kinder sehen zu wenig Tageslicht. Bereits 45 Minuten Aufenthalt im Freien hemmen das Fortschreiten von Myopie um 25 Prozent, eine Studie aus Taiwan ergab sogar eine Wirksamkeit von 50 Prozent mit dieser einfachen Methode.

45 Minuten im Freien hemmen das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit

Neben den Einschränkungen des natürlichen Sehens bringt die hochgradige Kurzsichtigkeit ein erhöhtes Risiko schwerer Augenerkrankungen mit sich. Das Längenwachstum des Augapfels erhöht das Risiko für eine Netzhautablösung, für Grauen Star (Katarakt) und zu hohen Augendruck (Glaukom). Ab einer Kurzsichtigkeit von -6 Dioptrien steigt auch die Wahrscheinlichkeit, an einer Makuladegeneration zu erkranken, die zu erheblichen Sehbehinderungen führt und deren Endpunkt die Erblindung ist.

Für einfache Myopie sind Brillengläser und Kontaktlinsen bzw. bei Erwachsenen auch die Laserkorrektur des Auges gängige Mittel der Sehkorrektur. „Für fortschreitende Kurzsichtigkeit werden weltweit zurzeit mehrere Wege erprobt und erforscht“, erklärt Sven Hermann, CSO/CMO des Zeiss Unternehmensbereichs Vision Care. Den Stein der Weisen für progressive Myopie habe aber noch niemand gefunden, doch gebe es optische, pharmakologische und auf das Verhalten bezogene Methoden, die derzeit angeboten würden. Am häufigsten werde die Korrektur mit Brillengläsern angewendet, wobei sich spezielle Myopie-Korrekturgläser im Vergleich zu Einstärkengläsern als vorteilhaft erwiesen hätten.

Zeiss setzt auf die Weiterentwicklung der Brillenglastechnologie zum Management der progressiven Myopie. Mit MyoVision greift das Unternehmen die Idee des peripheren Defokus auf. Beim kurzsichtigen Auge wird mit Brillengläsern auf eine scharfe Abbildung auch entfernter Objekte im Sehzentrum korrigiert. Dabei liegt das Bild an der Peripherie leicht hinter der Netzhaut. Mit diesem sogenannten „peripheral defocus“, auch „peripheral hyperopic shift“ genannt, erhält das kurzsichtige Auge kontinuierlich einen Anreiz, in der Länge zu wachsen. Das optische Design von Zeiss MyoVision korrigiert das Sehen so, dass im Sehzentrum (Fovea) das Bild immer scharf gestellt ist und auch in der Peripherie korrigiert wird. Damit kann das für progressive Myopie entscheidende Längenwachstum des Augapfels ausgebremst und dem Fortschreiten der Kurzsichtigkeit im betrachteten Zeitraum wirksam begegnet werden.

Auch in der Peripherie korrigieren

Ein zweites wissenschaftliches Konzept, das wissenschaftlich fundierte Ergebnisse liefert, ist die sogenannte verzögerte oder Unter-Akkommodation („accommodative lag“). Dieses optische Design greift zwei Effekte auf, die für die Entwicklung von Myopie eine nachweisliche Rolle spielen. Bei kurzsichtigen Kindern entspricht in der Nähe die Akkommodation nicht ganz der Entfernung des betrachteten Objekts, so dass die Abbildung nicht vollständig scharf ist. Die Abbildung liegt etwas hinter der Netzhaut und damit wird das Längenwachstum des Augapfels zusätzlich angeregt. In Folge verstärkt über die Jahre eine intensive Nahtätigkeit, also Lesen oder der Blick auf Tablets und Smartphones, oft die Kurzsichtigkeit.

Eine Studie des Zeiss Vision Science Labs an der Universität Tübingen ergab, dass das „Accommodation Lag Management“-Design von MyoKids die Unterakkommodation um bis zu 30 Prozent besser als konventionelle Gleitsichtgläser reduziert. Der Abfall der Korrektionswerte rund um die Nahsehzone stimuliert das kindliche Auge bei der Akkommodation besser und unterstützt eine natürliche Kopfhaltung bei Nahsehtätigkeiten. Der Abfall der Korrektionswerte rund um die Nahsehzone stimuliert das kindliche Auge bei der Akkommodation besser und unterstützt eine natürliche Kopfhaltung bei Nahsehtätigkeiten.

Genügend bildschirmfreie Zeit mit Tageslicht

Moderner Lebens- und Arbeitsstil sorgt für die schnelle Verbreitung der Kurzsichtigkeit auch in der westlichen Welt. 2050 könnte laut Zeiss etwa die Hälfte der Menschheit, also fünf Milliarden Menschen, kurzsichtig sein. Gründe dafür sind vor allem in der Verstädterung der Bevölkerung und der Digitalisierung zu suchen. „Erzwungene Nahtätigkeit” – also das häufige Blick auf kleine Smartphone-Screens, Lesen oder Bildschirmarbeit – ist in der Evolution des menschlichen Auges ebenso wenig vorgesehen wie die Tatsache, dass wir zu viel Zeit in Innenräumen verbringen. „Regelmäßige Sehtests, genügend bildschirmfreie Zeit und ausreichend Tageslicht an der frischen Luft sind für alle jungen und alten Menschen die beste Vorsorge“, so Wahl. Wer viel am Bildschirm arbeite, sollte eine speziell angepasste Bürobrille tragen und die 20-20-20-Regel beachten. Alle zwanzig Minuten für 20 Sekunden den Blick auf einen 20 Meter entfernten Gegenstand richten – also zum Beispiel aus dem Fenster schauen – helfe dem Auge zu entspannen. (ig)

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