Medizintechnik-Unternehmen

Rückenwind an den Finanzmärkten

Die Medizintechnikbranche konnte sich zuletzt vor allem auf das Vertrauen der Investoren verlassen: Die erfolgreichen Börsengänge und das sprudelnde Risikokapital zeigen, dass ein hohes Potenzial in der Branche gesehen wird. Bild: Puls Power Supplies
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Die Medizintechnikbranche in den USA und Europa ist im Umbruch begriffen: Digitale Technologien, neue Konkurrenz durch Technologieunternehmen sowie die generell volatilen Gesundheitsmärkte weltweit beflügeln die Phantasie an den Finanzmärkten. So wurde zwischen Juli 2017 und Juni 2018 der höchste Betrag durch Börsengänge der vergangenen zehn Jahre erlöst: 6,6 Milliarden Dollar spülten die 28 Börsengänge insgesamt in die Kassen der Unternehmen. Das sind Ergebnisse des „Medizintechnik-Reports 2018“ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young).

Start-ups erhielten zudem den zweithöchsten Betrag an Venture Capital seit der erstmaligen Erfassung der Daten von 2008 und 2009. Zwischen Juli 2017 und Juni 2018 sammelten sie 8,2 Milliarden US-Dollar ein. Nur im Vorjahreszeitraum lagen die Mittelzuflüsse mit 8,3 Milliarden US-Dollar leicht höher. Der leichte Aufwärtstrend der Branche schlägt sich auch in den Bilanzkennzahlen nieder: Die Medizintechnik-Unternehmen in den USA und Europa konnten 2017 ihren Umsatz erneut um 4,3 Prozent auf 379,1 Milliarden US-Dollar steigern. Damit setzten sie ihren Erholungskurs fort: 2016 erzielten sie sogar ein Wachstum von fünf Prozent, nachdem es im Jahr zuvor einen Rückgang gegeben hatte.

Allerdings belasteten die hohen Ausgaben für Konsolidierung und Neuaufstellung die Bilanzen – darunter Sondereffekte wie die 25 Milliarden US-Dollar schwere Übernahme von St. Jude Medical durch Abbott oder hohe Einmalkosten bei Dentsply und Medtronic: Der Nettogewinn sank um 7,2 Prozent auf 14,9 Milliarden US-Dollar.

„Die Medizintechnikbranche konnte sich zuletzt vor allem auf das Vertrauen der Investoren verlassen: Die erfolgreichen Börsengänge und das sprudelnde Risikokapital zeigen, dass ein hohes Potenzial in der Branche gesehen wird“, kommentiert Gerd Stürz, Marktsegmentleiter Life Sciences für Deutschland, die Schweiz und Österreich bei EY. Auch wenn das Umsatzwachstum wieder besser aussähe als noch vor wenigen Jahren, würden die Werte vor der Finanzkrise allerdings noch lange nicht erreicht. Medizintechnik-Unternehmen bewegten sich in einem schwierigen Umfeld, mit hohen staatlichen Anforderungen und Sparvorgaben und besser informierten und anspruchsvolleren Kunden. Innovationen mit echtem Mehrwert seien daher wichtiger denn je. Vieles deute darauf hin, dass die Branche in eine große Innovationslücke gerate.

Ausgaben für F+E gehen zurück

Die Fusionen und Übernahmen – eine Möglichkeit, schnell Innovation ins Unternehmen zu holen – sanken ebenfalls deutlich: Das Deal-Volumen zwischen Juli 2017 und Juni 2018 brach um 56 Prozent auf 44,1 Milliarden US-Dollar gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein. In diesem Zeitraum gab es nicht einen Megadeal über zehn Milliarden US-Dollar. Immerhin: Lässt man die Megadeals außer Acht, liegt der Rückgang nur noch bei 14 Prozent. Und bei den sogenannten Pure-Plays – also den reinen Medtech-Unternehmen – gingen im vergangenen Jahr die Ausgaben für Forschung und Entwicklung um 0,4 Prozent auf 15,9 Prozent zurück.

Der Leiter des deutschen Life Science Centers von EY, Siegfried Bialojan, beobachtet dennoch eine nach wie vor hohe Bereitschaft der Branche zu Fusionen und Übernahmen. „Allerdings haben die Medizintechnik-Unternehmen eher Investitionen in die nahe Zukunft im Fokus – sie passen ihr Portfolio an und konzentrieren sich auf einzelne Therapiefelder“. Echte Innovation sei aber selten. Dabei stünden der Branche derzeit Megathemen ins Haus: Datenplattformen und Analysetools erlaubten in Zukunft sehr viel individuellere und auch effizientere Behandlungsmethoden. Das Know-how dazu sei in vielen Medizintechnik-Unternehmen nicht ausreichend vorhanden. Hier könnten auf den Markt drängende Technologieunternehmen schnell einen Vorteil erlangen, wenn die Branche nicht in entsprechende Kompetenzen investiere.

Technologiefirmen bringen deutlich höhere Feuerkraft mit

Doch im Vergleich zu den großen Technologiefirmen, die ebenfalls in die Branche vordringen, fehlt Medizintechnik-Unternehmen häufig die Feuerkraft, also die nötigen finanziellen Mittel für Fusionen und Übernahmen. So stehen den neuen Wettbewerbern aus der Technologiebranche für Fusionen und Übernahmen liquide Mittel von rund 1,88 Billionen US-Dollar zur Verfügung. Konzerne mit Medizintechniksparte verfügen im Vergleich dazu nur über eine Feuerkraft von 602,8 Milliarden US-Dollar und Pure-Plays – also reine Medtech-Konzerne – kommen auf Mittel in einer Gesamthöhe von 388,5 Milliarden US-Dollar.

„Medtech-Unternehmen müssen sich die Frage stellen, wie sie vom traditionellen Geschäft mit dem Verkauf von Geräten und Tests hin zu datenbasierten Geschäftsmodellen kommen“, so Stürz. „Sie haben gegenüber den neuen Konkurrenten den Vorteil, dass sie Gesundheitsstandards genau kennen und wissen, wie sie diese einhalten können. Wenn es Technologiefirmen aber gelingt, die strengen Maßstäbe im Gesundheitssektor zu erfüllen, werden sie mit ihrer Technikkompetenz zur gefährlichen Konkurrenz.“

„Die Branche steht vor einem Wandel: Statt Produkte muss sie Therapie-Ergebnisse verkaufen“, ergänzt Bialojan. „Unternehmen werden künftig plattformbasierte Lösungen anbieten: Geräte sind dann nur noch ein Teil der Lösung, Datenauswertungen und Analysetools werden mindestens ebenso wichtig. Mithilfe von Big-Data-Auswertungen und künstlicher Intelligenz sind viel zielgenauere und effektivere Behandlungen möglich.“

Deutsche Unternehmen investierten deutlich mehr in F+E

Der Umsatz der deutschen Medizintechnikbranche stieg um drei Prozent auf 33,4 Milliarden US-Dollar. Schaut man sich die deutschen Pure-Plays an, so fällt auf, dass sie gegen den Branchentrend deutlich mehr in Forschung und Entwicklung investierten: Sie wendeten im Jahr 2017 mit 200 Millionen US-Dollar doppelt so viel Geld für ihre Forschung und Entwicklung auf wie im Vorjahr. Gleichzeitig hielten sie den Rückgang ihres Nettogewinns verglichen mit der internationalen Konkurrenz mit einem Minus von vier Prozent auf 200 Millionen US-Dollar in Grenzen. Zudem dominierte ein deutscher Konzern den IPO-Markt für Medizintechnikunternehmen: der 4,2 Milliarden Euro teure Börsengang der Siemenstochter Healthineers – zugleich einer der größten Börsengänge in der deutschen Geschichte.

Beim Risikokapital kann Deutschland im internationalen Vergleich allerdings nicht mithalten: Die Medtech-Start-ups konnten insgesamt nur 55,3 Millionen US-Dollar an Venture Capital einsammeln – der schlechteste Wert unter den großen Wirtschaftsnationen. „Das ist ein traditionelles Problem der deutschen Medizintechnikbranche“, beobachtet Bialojan. „Vielen Start-ups fehlt die internationale Ausrichtung und die Vernetzung. Dabei ist eine solide Finanzierung gerade in der Anfangsphase entscheidend, um sich international durchsetzen zu können. Wünschenswert wären bessere Bedingungen für die Frühphasenfinanzierung in Deutschland – beispielsweise steuerliche Anreize für entsprechende Investments.“ (ig)

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